Isabelle

Isabelle

Isabelle hüllte sich gerne in eine gemütlich, schummrige Atmosphäre und las entspannt ihre Lektüre über moderne Technologien aus Fachzeitschriften und Büchern. Es ist wohlig warm, das Ledersofa ausgesprochen bequem und der Geruch von altem Holz und Papier waren betörend und entspannend. Manchmal lag ihre acht Jahre alte Tochter mit dem Kopf auf ihrem Schoß und döste friedlich. Diese Momente waren für Isabelle die schönsten überhaupt und sie wären vollkommen, wenn ihr Mann Adam, wie Früher auf dem großen Sessel neben ihr säße und seine Bücher über theoretische Physik verschlang. Sie flirtete dann immer sehr ausgiebig mit ihm und lenkte ihn neckisch von seiner Beschäftigung ab.

Doch seit einer Weile war Adam eher selten im Arbeitszimmer. Er verlor sich immer mehr in seiner Fantasie und ließ immer weniger von außen auf sich wirken. Isabells sorgen um ihn waren anfangs noch sehr zerstreut. Sie kannte ihn schon ihr ganzes Leben lang und wusste genau, dass es Zeiten gab, in denen er seine Gedanken weit abschweifen ließ und in einer scheinbar fernen Welt versank. Aber das legte sich auch schnell und er war wieder der Lebensfrohe, aufmerksame und liebevolle Mensch, dem sie so gerne bei seinen Geschichten über die unglaublichen Wunder unserer Galaxie zuhörte. Ob das eine psychische Störung war oder einfach nur eine Marotte, interessierte sie wenig. Sie liebte ihn mehr als irgendetwas anderes. Er war nicht nur ihr Mann sondern auch ihr bester Freund. Sie wuchsen zusammen auf, verbrachten jeden Tag ihrer Kindheit miteinander, studierten zusammen Maschinenbau. Schnell wurden sie anerkannte Ingenieure und Adam promovierte vor wenigen Monaten sogar. Isabelle ist gerade dabei ihre Dissertation fertig zu stellen. Beide gingen in ihrem Beruf auf und konnten sich schnell ein kleines Vermögen verdienen. Das große Haus, in einem idyllischem Städtchen in der Nähe von Blackmore, England, war traumhaft und eine harmonische Mischung aus moderner Funktionalität und ländlicher Gemütlichkeit. Ihre Kinder Riah und Luca, vervollkommneten ihr Glück, mehr als sie es hätten zu träumen gewagt hätten.

Leise betrat Adam den Raum und küsste Isabell weich auf die Wange. Sie lächelten sich mit großen Augen an und mit einer subtilen Handbewegung wies sie ihn darauf hin, dass noch Essen in der Küche sei. Adam bedankte sich schweigend und verließ den Raum. Zweimal die Woche arbeitete er Abends länger, um das fehlende Einkommen durch Isabelles arbeiten an ihrer Dissertation ein wenig auszugleichen.

Etwas später brachte sie Riah ins Bett und machte es sich im Wohnzimmer gemütlich. Adam setzte sich zu ihr und erzählte von einem seltsamen Traum, den er seit ein paar Wochen hin und wieder hat. Er handelt von einer Kreatur, die so groß war wie ein Großstadtviertel. Ein Drache, wie er immer wieder behauptete. Seine Haut war pechschwarz, überzogen von Purpur glühenden Mustern auf dem ganzen Körper. In derselben Farbe glühten auch seine Augen genau wie die Flammen, die sich an seinen Zähnen empor schlangen. Anfangs erzählte er, mit viel Angst in der Stimme, von diesem Traum, doch je öfter er ihn hatte, desto kindlicher wurden seine Emotionen. Es schien ihn nicht mehr los zu lassen. Und ab dem Punkt fing Isabelle an sich wirklich Sorgen zu machen.

Adam war emotional eher verschlossen und zurückhaltend. Zum einen war es Teil seiner Persönlichkeit, zum anderen hatte er sich geschworen, egal wie schlecht es ihm mal gehen sollte, niemals grausam oder gemein zu jemandem zu sein, nur weil ihm danach war. Doch wenn er von diesem Drachen erzählte, war er wie geladen. Es war faszinierend und gruselig wie er beim erzählen herum tänzelte und wild mit den Armen wedelte. Was aber noch beängstigender war, war dass er ein paar Tage lang, nachdem er von dem Drachen träumte, immer sehr melancholisch und nachdenklich war. Es gab auch schon die ein oder andere Beschwerde von seinem Chef, dass er hin und wieder nicht richtig bei Sinnen sei und die Welt vor sich nicht mehr richtig wahr nehmen zu schien. Diese Zeiten kamen immer impulsweise auf. Im Abstand von Monaten bis hin zu Jahren, immer wieder für ein paar Wochen.

 

Riah ist mittlerweile zwölf und Luca hat mit sechzehn gerade sein Studium begonnen. Er hat das Haus verlassen und ist zusammen mit seinem besten Freund auf den Campus gezogen. Isabelle hat sich mittlerweile an Adams träume gewöhnt und sich damit arrangiert. Sie ist nun ebenfalls promoviert und doziert Maschinenbau an der Universität, an der sie mit Adam zusammen studiert hat. Eines Abends saß Isabelle wieder auf dem Ledersofa und las einige Arbeiten ihrer Studenten. Da fiel ihr eine merkwürdige Broschüre auf dem Tisch auf. Sie griff nach ihr und las etwas über Englands Steilküsten und Naturschutzgebiete. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches aber ihr war sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Seit Monaten hat er nicht mehr von den Träumen gesprochen und war wieder so seltsam normal. Sie untersuchte die Broschüre genauer und erkannte einen winzigen Kratzer an einer Stelle auf der Übersichtskarte, die etwas abseits und mit den Worten „Für Besucher nicht zugänglich“ beschrieben war. Eine Weile schaute sie besorgt umher und dachte nach. Adam erzählte ihr, dass er auf eine Tagung nach London müsse und diese frühestens um zehn Uhr abends vorbei wär. Sie vertraute Adam vollkommen und würde nie auf die Idee kommen, so etwas zu hinterfragen. Doch das seltsame Verhalten von ihm in letzter Zeit war für sie ein gültiger Anlass, in seiner Firma anzurufen und nachzufragen.

Wie immer wurde sie ausgesprochen freundlich begrüßt als sie Mr. Wanten, Adams Boss, anrief. Doch ihre Frage, wo Adam war, musste sie gar nicht stellen, denn das erste was Mr. Wanten zu ihr sagte war, dass er tiefes Beileid für den Verlust seiner Großmutter empfand und er sich gern noch einen Tag länger frei nehmen solle, wenn ihm danach ist. Isabelle bedankte sich freundlich dafür und beendete das Gespräch mit einer Entschuldigung. Sie wollte sich nur erkundigen ob Adam nicht vergessen hat, ihm Bescheid zu sagen und lachte aufgesetzt. Sie ließ das Telefon fallen und schlüpfte hektisch in ihre Jacke. Es dämmerte bereits und ein scharfer Wind hämmerte gegen die Fenster. Sie lief in die Garage, sprang in den Sportwagen und raste davon. Das Adrenalin in ihrem Blut riss an ihrem Herz als würde sie von einer höheren Macht angetrieben, so schnell wie möglich bei ihm zu sein. Der Wind wehte immer stärker und schien das, so schon wahnsinnig schnelle Gefährt, noch weiter anzutreiben.

Am Ende einer schlecht ausgebauten Landstraße, sah sie das SUV mit dem Adam zur Tagung gefahren ist. Sie stieg aus, sprintete in den Wald und ließ sich nur von der salzigen Meeresluft leiten, die sie, hoffentlich, bis zu dieser Klippe führen würde. Eine gefühlte Ewigkeit lief sie wie verrückt durch den Wald, stolperte immer wieder über Wurzeln und Äste. Ihre Hände und ihr Gesicht waren zerkratzt von scharfen Blättern und Dornen, die immer wieder ihren Weg kreuzten. Endlich erreichte sie den Waldrand. Keuchend und stöhnend fiel sie auf die Knie und versuchte wieder Kraft zu schöpfen. Als sie aufblickte sah sie ihn etwa hundert Meter vor sich an der Klippe stehen. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht als sie aufstand und losrennen wollte. Doch ihr Körper versagte ihr den Dienst und sie fiel sofort wieder auf zu Boden.

Wieder schaute sie auf und sah wie Adam immer schneller auf den Rand der Klippe zu lief. Sie krallte sich mit den Händen ins Gras und stieß mit letzter Kraft seinen Namen aus. Doch Adam war schon im Sprung und sie sah nur noch kurz das funkeln des schwachen Mondlichts in seinen Augen, als er sich im letzten Moment umdrehte und sie sah. Dann wurde er vom klaffenden Abgrund verschlungen wie von einer hungrigen Bestie und mit einem schmerzvollen und unerbittlichen Schlag aus ihrem Leben gerissen. Tränen rannen wie Bäche über ihr schmerzverzerrtes Gesicht, das im kalten, nassen Gras versank, während sie ihre Arme über dem Kopf zusammenschlug und sich die Haare auszureißen versuchte. Die Wirklichkeit schien um sie herum zusammen zu brechen und sie viel ins Koma.

Der nächste Tag erwachte und das Sonnenlicht durchbrach den grauen Wolkenschleier, der ganz England seit Wochen mit einer beklemmenden Melancholie quälte. Isabelle öffnete ihre Augen und fand sich in einer Welt wieder, in der sie nicht mehr zurecht kommen würde. Sie hob ihr schmutziges Gesicht aus dem Gras und betrachtete ihre, mit tiefen Kratzern und Wunden übersäten Arme, und richtete sich langsam auf. Vor ihr klaffte noch immer der Abgrund, der über ihr gebrochenes Herz zu spotten schien und sie lockte, ihrem geliebten zu folgen.

Isabelle stand auf und lief langsam auf die Klippe zu. Sie zog ihren Pullover aus und wischte sich mit der Innenseite den Schmutz aus dem Gesicht. Sie wagte es nicht hinab zu schauen. Sie schloss ihre Augen und verlagerte ihr Gewicht langsam nach vorn. Doch ein starker, kalter Windstoß packte sie und stieß sie zurück. Sie fiel mit dem Rücken ins Gras und blieb mehrere Stunden regungslos liegen. Dann klingelte ihr Handy. Es war ihre Tochter Riah, die sich um sie sorgte weil sie die Nacht nicht wieder Heim gekommen ist. Isabelle lächelte und ihre Todessehnsucht verflog urplötzlich als sie die süße, quirlige Stimme ihrer Tochter hörte.

~Makenshi

Adam

Adam

Adams Beschluss zu gehen, war keine spontane Entscheidung. Sie war wohl überlegt und bis ins letzte Detail geplant. Sein Gesichtsausdruck war friedlich und entspannt, als er sich langsam der Klippe näherte. Einen Meter vor dem Rand blieb er stehen. Er schaute auf seine Füße. Vor ihm ging es 80 Meter senkrecht nach unten. Dort preschten die tosenden Fluten auf scharfe Felsen, die sich wie Speerspitzen aus der Gischt erhoben.

Ein kurzes aufflackern von Widerspruch schoss durch sein Herz. Er hob den Kopf und schaute aufs Meer. Es war stockfinster und bis auf die paar Lichter, eines weit entfernten Containerschiffes, sah er nichts. Das Wetter schien sich gegen sein Wunsch entschieden zu haben, seinen letzten Abend unter einem romantischen Sternenhimmel, in süßer Melancholie zu schwelgen: Es war eiskalt und ein feuchter, beißenden Wind stach ihm ins Gesicht. Der Himmel war bedeckt von einem grauen Wolkenschleier, der selbst das sonst so helle Mondlicht fast bis aufs letzte verschlang,

Doch sein Entschluss stand fest. Nicht einmal die vereinten Mächte sämtlicher Götter und Geister, die sich die Menschliche Fantasie bis dahin erschuf, konnten seine Entschlossenheit ins Wanken bringen. Es war so lange und so pedantisch geplant, er konnte es nicht einfach abbrechen. Niemand wusste, dass er dort war. Es gab weder einen Abschiedsbrief noch irgendeinen Hinweis, der jemanden auf seine Fährte locken könnte. Meilenweit keine Straße, keine Stadt, nicht mal ein Haus in dem ein alter Einsiedler leben könnte, dessen Anekdoten über die Wunder des Lebens, der Natur und der Großherzigkeit Gottes seine Suche nach Unendlichkeit in eine andere Richtung bewegen könnte.

Es war eine sehr lange Reise und es hat auch sehr lange gedauert diesen entlegenen Ort zu finden. Seine Planung ging so weit, dass er eine Geschäftsreise vorgab, die ihn bei seiner Familie entschuldigte und er einen Todesfall in der Familie erfand, mit dem er sich bei Rückfragen seiner Vorgesetzten problemlos entschuldigen konnte. Dieser Ort war schier unerreichbar und ohne einen Hinweis konnte er einfach nicht gefunden werden.

Er zog eine Glasflasche, die zu einem Viertel mit Wasser gefüllt war, aus der Innentasche seines Mantels hervor. Sie war mit einem Korken verschlossen und ohne Etikett. Aus derselben Tasche zog er noch einen Blister, aus dem er eine Tablette löste und sie sich einwarf. Er öffnete die Flasche, trank das Wasser in einem Zug und atmete tief durch. Den, nun leeren, Blister steckte er sich wieder in den Mantel und zog in derselben Bewegung eine Rolle aus Papierseiten heraus, die er in die Leere Wasserflasche steckte. Er verschloss die Flasche und steckte sie ebenfalls wieder in den Mantel. Er knöpfte ihn bis oben zu und schob seine Hände in die Außentaschen. Seine letzten Gedanken, so war der Plan, sollten sein erfülltes und glückliches Leben reflektieren.

Langsam fing die Tablette, ein sehr starkes Schmerzmittel, an zu wirken. Adam trat ein paar Schritte zurück, holte tief Luft und starrte gebannt über den Abgrund auf die tosende See. Der Wind fegte in immer stärkeren Böen über sein Gesicht, als wolle er ihn abhalten: Vergebens. Wie in Trance lehnte Adam sich nach vorn und fing an zu rennen. So schnell, dass, selbst wenn er es wollte, er keine Chance mehr hat es zu verhindern. Sein letzter Schritt war mit dem rechten Fuß direkt an der Kannte der Klippe. Noch während er sich abstieß, hallte ihm ein schmerzverzerrter, markerschütternder Schrei um die Ohren.

Adam versetzte seinem Körper einen leichten stoß um seine Achse, sodass er sich im Flug drehte. Bruchteile von Sekunden zogen sich als wären es Stunden, als sich langsam ein trauriges, ängstliches und im tiefsten verletztes Gesicht in sein Blickfeld schob. Es war unmöglich, dass sie ihn finden konnte. Er sah noch wie Isabell eine Broschüre der Steilküsten Englands umklammerte und fest an ihr Herz drückte. Er wollte es nicht aber er hatte wohl innerlich gehofft, dass sie ihn findet, und die Broschüre unbewusst absichtlich nicht weggeworfen. Isabell war unglaublich clever und sehr aufmerksam. Eine der Eigenschaften, die er am meisten an ihr liebte. Aber es waren auch ihre vielen Marotten, die sie so unwiderstehlich machte und wegen der er sie auch geheiratet hatte.

Adam lächelte so herzlich und von Glückseligkeit erfüllt, wie an dem Tag als er sie kennenlernte. Er schlang seine Arme fest um die Brust und umklammerte die Flasche mit dem wertvollen Inhalt, indem er ausführlich erklärte warum er dies Tat und wie sehr er sie liebte. Es war kein Abschiedsbrief und auch kein Testament. Es war einfach ein Blick in seine Seele und seine innersten Gedanken. Diese Flasche musste, egal wie, den Sturz überstehen. Wie ein unsichtbares Seil riss die Schwerkraft Adams Körper unbarmherzig in die Tiefe. Der Fall dauerte nur wenige Sekunden, doch in dieser kurzen Zeit durchlebte Adam ein komplettes Leben: Aber nicht seins. Dieses ganze Leben lang begleiteten ihn die von Schmerz und Trauer geschwängerten Schreie seiner geliebten Frau.

Am nächsten Morgen erst, fand die Polizei seine Leiche. Die Flasche war zerbrochen und der Brief in ihr getränkt in Blut und Wasser. Die Schrift war verwaschen und nicht mehr lesbar. Bis auf drei letzte Worte: „… nicht das Ende.“

~Makenshi

 

Evolution ist Schnee von Gestern

Um Missverständnisse zu vermeiden, gebe ich hiermit zu besten, dass ich die Evolution als Wahrheit anerkenne und sie keinesfalls abstreite, aber…

…wir brauchen sie nicht mehr.

„Das Überleben des Stärkeren“ findet in einer technologisch hochentwickelten Gesellschaft keinerlei Gebrauch mehr. Schwache Menschen, Alte, Kranke und selbst schwer behinderte haben trotz ihrer Gebrechen, die sie in der freien Natur das Leben kosten würden, immer noch ein sehr großes Potenzial, unsere Gesellschaft kreativ und schöpferisch zu bereichern.

Ich höre Menschen gerne reden, „du musst stark und gesund sein, um in der Gesellschaft einen guten Platz zu erringen“, und muss im Geiste darüber lachen. Denn die Evolution hat ausgedient. Sie ist zu langsam, das Prinzip vollkommen veraltet und überholt. Es gibt keine Richtung mehr, in die wir uns weiter entwickeln können, außer die Geistige. Deswegen sind Stärke und Gesundheit mittlerweile weniger attraktiv als geistiges Geschick und Kreativität.

Die körperliche Existenz wird in etwas fernerer Zukunft eine wesentlich untergeordnetere Rolle spielen. Dadurch wird der Begriff „gesundes Leben“ neu definiert.

Warum leben, wenn existieren kann?